Reihenvorwort

Geleitwort zur Schriftenreihe Interpretation und Praxis

In einer Zeit, in der Technisierung und Nihilismus immer deutlicher hervortreten, stellt sich die Frage, wie sich die Geisteswissenschaften behaupten können. Diese Frage bildet den Ausgangspunkt der Schriftenreihe Interpretation und Praxis.

Interpretation bedeutet nicht allein, einen Text oder die Welt zu verstehen. Sie umfasst ebenso die Artikulation des Verstandenen, durch die sich das Verstehen vertieft und überhaupt erst vollzieht. Ein Verständnis, das keinen Ausdruck findet, bleibt prekär. Jede theoretische Interpretation ist daher ihrem Wesen nach zugleich Praxis. Interpretation und Praxis stehen folglich nicht im Gegensatz zueinander, sondern bezeichnen zwei Momente desselben Ursprungs.

In diesem Sinne entfaltet sich die Reihe als Praxis des Denkens und als interkulturelle Interpretation. Im Vollzug der Interpretation eröffnet sich ein Dialog zwischen unterschiedlichen Denktraditionen. Kultureller Austausch erschöpft sich dabei nicht in der bloßen Übermittlung von Informationen; er ermöglicht vielmehr ein Miteinander des Verstehens und die gemeinsame Hervorbringung von Sinn. Darin liegt die bleibende Aufgabe und Verantwortung dieser Reihe.

Ein Rückblick auf die vergangenen vier Jahrzehnte zeigt einen deutlichen Wandel in der Entwicklung der chinesischen Wissenschaft. Seit den 1980er Jahren haben sich chinesische Gelehrte mit großem Engagement dem Studium der westlichen Philosophie gewidmet, deren theoretische Ressourcen erschlossen und damit auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Tradition erneuert. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich diese Bewegung zunehmend zu einem wechselseitigen Dialog entwickelt. Dabei gilt es festzuhalten: Modernisierung bedeutet nicht vollständige Verwestlichung. Das chinesische Denken und die chinesische Weisheit können der Welt eigenständige und tiefgreifende Impulse geben. Heute genügt es nicht mehr, im Westen lediglich einen Spiegel des Eigenen zu suchen; vielmehr muss die Stimme des chinesischen Denkens im weltweiten philosophischen Diskurs hörbar werden. Dies zählt zu den zentralen Anliegen der Reihe.

Besonderes Gewicht legt Interpretation und Praxis auf die hermeneutische Tradition. Hermeneutik ist nicht nur eine bedeutende Strömung in der Geschichte der westlichen Philosophie, sondern auch ein grundlegender Ansatz, um die schöpferischen Kräfte der gegenwärtigen Geisteswissenschaften neu zu beleben. Wir möchten die Hermeneutik in dieser Reihe erneut zur Sprache bringen – nicht in einem restaurativen Rückgriff auf Vergangenes, sondern in einer Auseinandersetzung mit der Tradition, die zugleich die Herausforderungen der Zukunft in den Blick nimmt. Nur im Vollzug hermeneutischer Auseinandersetzung können die Geisteswissenschaften der doppelten Gefahr technokratischer Herrschaft und des Sinnverlusts begegnen.

Die Reihe versammelt unterschiedliche Formen wissenschaftlicher Arbeit: systematische Darstellungen der chinesischen Tradition ebenso wie vertiefende Studien chinesischer Gelehrter zur westlichen Philosophie, eigenständige Monographien ebenso wie Sammelbände und Vorlesungstexte. Die wichtigsten Publikationssprachen sind Deutsch und Englisch; darüber hinaus können auch Werke auf Chinesisch erscheinen. In diesem Fall wird jeweils eine Einleitung oder Zusammenfassung auf Deutsch oder Englisch beigegeben, damit auch Leserinnen und Leser ohne vertiefte Chinesischkenntnisse Zugang zum chinesischen Denken finden. Die Mehrsprachigkeit ist Ausdruck des interkulturellen Anspruchs, auf dem die Reihe beruht.

Von besonderer Bedeutung ist die Mitwirkung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bringen sich nicht nur mit eigenen Arbeiten ein, sondern wirken auch als Herausgeberinnen und Herausgeber oder als Übersetzerinnen und Übersetzer wichtiger Texte mit. Ihrem Engagement ist es zu verdanken, dass Arbeiten älterer Generationen in deutscher oder englischer Sprache zugänglich werden und ein breiteres Publikum erreichen können. Der Beitrag des akademischen Nachwuchses verleiht der Reihe neue Dynamik und lässt zugleich die fortdauernde Präsenz chinesischer Wissenschaft im internationalen Diskurs sichtbar werden.

Die Bände erscheinen bewusst in einem handlichen Format. Ihr Umfang liegt in der Regel zwischen 100 und 150 Seiten; nur gelegentlich überschreiten sie 200 Seiten. Diese „kleinen Bücher“ fördern die Prägnanz und Konzentration des Gedankengangs und laden zu einer zugänglichen Lektüre ein, die nicht allein Fachleuten vorbehalten ist. Die Reihe richtet sich daher sowohl an Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler der Philosophie als auch an interessierte Leserinnen und Leser, die Einblicke in das chinesische Denken gewinnen möchten.

Seit 2023 erscheint Interpretation und Praxis im Berliner Xenomoi Verlag. Mein besonderer Dank gilt dem Verleger Wolfgang Sohst, der unser Vorhaben mit fortwährender Ermutigung und unermüdlicher Unterstützung begleitet. Ohne einen solchen Partner wäre die Entstehung und kontinuierliche Weiterführung dieser Reihe kaum denkbar gewesen.

Wir hoffen, dass Interpretation und Praxis mehr sein wird als eine Sammlung von Büchern: eine Brücke, die chinesischer Wissenschaft den Weg in die Welt eröffnet und zugleich den interkulturellen philosophischen Dialog in seiner konkreten Praxis trägt. Möge die Reihe inmitten der komplexen Gedankenlandschaft unserer Zeit einen Raum der Begegnung, des Austauschs und der Reflexion schaffen.